Meine dunklen Schubladen

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Ein Film, hat mich gerade ermutigt, mir die Wahrheit von der Seele zu schreiben. Die Wahrheiten, aus meinen dunklen Schubladen.

Mir ist gerade etwas wie Schuppen von den Augen gefallen. Achtung, das kann jetzt unerwartet persönlich werden.

Ich hatte Panikattacken

Ich habe mich lange gefragt, wieso ich mal eine Phase als junger Teenager hatte, wo ich nicht einschlafen konnte, schreiend aufgeschreckt bin und dachte ich sterbe: Ich hatte früher Panikattacken. Wurde mir letztens erst bewusst, als ich auf Insta einem Typen folge, der darüber aufklärt. Passt alles voll zu meinen Erinnerungen. Krass, oder?

Ich hatte Selbstmordgedanken

Nun ist es raus. Ich habe das noch nie ausgesprochen. Selbst meiner PsychoTante habe ich das nie erzählt. Doch jedes Mal, wenn ich in der Heimat bin und aus unserem Badezimmerfenster die Straße hinunterschaue, erinnere ich mich daran, wie ich mir oft als Kind/Teenager gedacht habe, ob mich wohl jemand vermissen würde, wenn ich aus dem Dachgeschoss springe. Ich hätte das nie gemacht, aber die Gedanken begleiten mich und kommen hier und da noch immer in manchen Situationen in mir auf. Ob das wahr ist, fragst du dich erschrocken? Ob das wirklich wahr ist, frage ich mich selbst verängstigt? Ja, es ist wahr. Das spüre ich daran, dass sich mein Hals zuschnürt und ich kaum Luft bekomme beim Tippen dieser Zeilen.

Ich hatte Angst vor Intimität

Kein Wunder im Nachhinein, dass ich mich vor Jungs gefürchtet habe: Ich habe da so einen Schnipsel von Erinnerung in meinem Kopf, dass mein Cousin auf meinem roten Sofa in meinem Kinderzimmer sitzt und mir sagte, ich solle meine Hose ausziehen. Ich weiß noch, dass ich meinen Reißverschluss öffnete, aber dann innehielt und mich weigerte. Ich weiß nicht mehr, was dann passierte, aber ich glaube, das war es schon.

Ich hätte sie nicht gut genug gekannt

Nachdem sich das Flugzeugunglück ereignet hatte, redeten meine Eltern mir ein, dass ich Lea, ja gar nicht so gut kannte und nicht so betroffen sein müsse. Ich sollte also mein Entsetzen und meine Gefühlswelt verleugnen. Seit 2015 schluckte ich also die Traurigkeit in mir und hatte niemanden, der es mich besser lehrte.

Ich sei nicht gut genug

Es hämmerte sich wie in Stein ein: ich war nicht gut genug. All meine Bestrebungen, bei Stadtverwaltungen oder anderen Ämtern als Azubi genommen zu werden fruchteten nicht. Ich überzeugte nicht, was nicht gut genug in den Assessment-Centern. Dazu kam, dass irgendwelche Leute mir und meinen Eltern einredeten, ein Abitur an einer Gesamtschule sei weniger Wert. Damit sei ich weniger schlau. Ich habe alles geglaubt, ich hatte ja nur diese Erfahrungswerte. Die Entscheidung zur Uni zu gehen, war also eher ein „Plan C“, denn ich war ja bei den „eigentlichen“ Plänen, die nur von meinen Eltern ausgingen, gescheitert. So fühlte es sich zumindest an.

Wendepunkt Studium

Ich lernte so viele Leute kennen, so viele neue Ansichten, so viele Lebensentwürfe und ich merkte mit jedem Semester, dass es nicht „den einen geraden Weg im Leben“ gab, sondern unendlich viele verwurzelte Wege, die ein wunderbares Wurzelnetz ergeben. Ich trug noch immer die Altlasten mit mir umher, die noch immer unterdrückten Gefühle machten mich müde, machten mir den Alltag zum größten Kraftakt, dass ich bis heute kenne. Ich habe gelernt, dass ich mit meinem Mindset Berge versetzen kann und meine limitierenden Glaubenssätze hinter mir lassen kann. Ich blühte langsam, aber sicher auf. Ich wurde step by step mehr Juliane, mehr zur Juliane, die ich heute bin. Ich wurde zu meiner Traumfigur namens Juli, die keine Scheuklappen mehr aufhat und das tut, was Eltern oder Gesellschaft von ihr gerne hätten.

Ich sagte Nein

Ich sagte Nein zu einem Masterstudium, zudem mich meine Eltern gedrängt haben. Ich sagte endlich Nein zu einer Beziehung (Phil), die ich nur aufrecht erhielt, weil ich Angst hatte, dass er sich das Leben nimmt. Ich sagte Nein zu einer 40-Stunden-Woche und schließlich auch Nein zu einem Leben mit Drogen, die mich den „einfachen“, aber nicht „den richtigen“ Weg gehen lassen wollten.

Ich sage Ja

Ich sage Ja zu Selbstliebe, zu Meditation, zu Antidepressiva und zu mehr Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Ich sage Ja zu meinem Weg, den ich eingeschlagen bin und Ja zu meinem Vertrauen und die Hoffnung, dass ich das schon gut machen werde. Ich sage Ja zu mir.

Dunkle Schubladen

Wieso ich das mit dir bzw. euch teile? Weil ich den Leichen in meinem Keller keine Macht mehr geben möchte. Ich bin nun bereit, offen damit umzugehen und denke, dass es nun ein neues Kapitel ist. Ein Kapitel des Aufarbeitens und des Loslassens. Denn ich akzeptiere, was war und was ist, damit ich frei sein kann. Ich weiß ja auch nicht genau, was ich tue. Aber ich handle so, wie es sich gerade gut und richtig anfühlt. Und da es sich gerade gut anfühlt, meine dunklen Schubladen offen zulegen mit engen Freundinnen (ja, das Passwort zu diesem Blogbereich haben nur Mädels haha). Danke, dass du da bist.

Ich beende diesen Text nun und kann sagen, das enge Gefühl in meinem Hals ist schon deutlich weniger.

Eure Juli